Wie wird man damit fertig, dass das Kind, das man unter dem Herzen trägt, ausserhalb des Mutterleibs nicht lebensfähig sein wird? Wie verabschiedet man sich von ihm, bevor man es überhaupt kennenlernen konnte? Und was, wenn völlig unerwartet noch ein Kind stirbt? Ein Kind oder gar mehrere zu verlieren – für Eltern eine der tiefsten und schmerzvollsten Erfahrungen! Juliana und ihre Familie finden Trost und Hoffnung in ihrem Gott, während sie mit der Frage nach dem «Warum» und den Narben des Verlustes leben. Eine Geschichte über die Zerbrechlichkeit des Lebens, unfass­bare Trauer und die verborgene Stärke, weiter­zumachen – getragen von einer lebendigen Hoffnung.
Interview: Daniela Wagner
10. April 2026

Juliana, du hast dir immer eine grosse Familie gewünscht. Bereits als Jugendliche hast du dafür gebetet, dass Gott dir einen Mann schenkt, der Jesus liebt, und euch gesunde Kinder. Mit Daniel hat Gott dir diesen Wunsch erfüllt. Zwei Jahre nach eurer Heirat wurdest du schwanger. Die Vorfreude war riesig. Doch dann, in der 15. Schwangerschaftswoche, stellte der Arzt Auffälligkeiten fest. 

Die Untersuchung des Fruchtwassers ergab die Diagnose «Trisomie 14» – und dass es ein Junge war. In einer Herzklinik erfuhren wir, dass sein Herz extrem fehlgebildet war. Zudem hatte er eine grosse Zwerchfellhernie, deshalb rutschte sein Darm in den oberen Brustbereich und drückte auf Herz und Lunge. Der Ultraschall zeigte: Unser Kind würde ausserhalb des Mutterleibs nicht lebensfähig sein. 

Mein Mann und ich weinten. Ab diesem Tag fühlte es sich für mich so an, als stecke ein Kloss in meinem Hals. Eine unglaublich schwere Last drohte mich zu erdrücken.

Der Arzt erwähnte die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs, doch das kam für uns nicht infrage. Wir fühlten uns so hilflos. Unsere Familien und Freunde beteten in dieser Zeit besonders intensiv für uns, einige fasteten.

Ich stelle mir diese Zeit sehr schwer vor.

Wir hatten nun die Gewissheit, dass wir Abschied nehmen müssen: Unser Kind wird von uns gehen. Doch wie bereitet man sich auf so etwas vor? Wir hatten keine Ahnung.

Dann kam der Mai 2014 und damit der Tag der Geburt. Die Hebamme schlug vor, die Herztöne des Kindes während der Geburt nicht aufzuzeichnen. Sollte sein Herz aufhören zu schlagen, würden wir das nicht mitbekommen. Doch Samuel, so nannten wir ihn, lebte noch eine halbe Stunde! Ich bekam ihn direkt auf die Brust gelegt. Er schaute Daniel und mich mit grossen Augen an und war total ruhig. Wir legten beide einen Finger in seine winzigen Händchen, und er umschloss sie ganz fest. Das tat so gut, trotz all dem unglaublich Schweren, das uns umgab. Die wenigen Minuten, zu dritt als Familie, waren rückblickend gut für meinen Mann und mich. 

Die Hebamme machte noch ein Foto von uns, Samuel schloss die Augen – und dann schlief er friedlich ein. Wir bemerkten nicht sofort, dass er nicht mehr atmete. Wir sind dankbar, dass wir ihn eine halbe Stunde lang bei uns haben durften.

Wie war die Zeit nach der Geburt und der Alltag mit dieser unsäglichen Traurigkeit?

Es war schon schwer zu wissen, dass Samuel in meinem Bauch gut versorgt war, sein Körper nach der Geburt aber nicht überleben konnte. Nach der Geburt kam die Schwere der Trauer noch hinzu. Es fühlte sich an, als würden sich Regenwolken vor die Sonne schieben – sie ist immer da, doch für uns nicht spürbar. Wir wussten, dass Gott immer da ist, doch die Wolken der Trauer liessen ihn uns kaum spüren. Dieser Schmerz war so schlimm, er drohte uns zu zerreissen. Wir wollten irgendwie von Gott getröstet werden, konnten aber nichts fühlen.

Der Bauch war nun weg, doch das Kind im Arm fehlte. Wir waren zwar Eltern geworden, doch unser Baby war nicht bei uns. Es war schlimm, Leute zu treffen und Anlässe zu besuchen. Für unsere Freunde und Bekannten war es, als wäre unser Kind nie dagewesen. Denn wir waren ja die einzigen, die Samuel lebend gesehen hatten. Noch schlimmer, als auf den Tod unseres Sohnes angesprochen zu werden, war für uns, so zu tun, als hätte er nie existiert. Im selben Jahr, in dem wir Samuel bekamen und ihn gleich wieder beerdigen mussten, wurden viele aus unserem Freundeskreis ebenfalls zum ersten Mal Eltern. Es war eine Last, zu sehen, dass sie alle mit Kindern beschenkt wurden – doch wir nicht. Die Gedanken gingen in alle Richtungen. Im Innersten kam uns tatsächlich der Gedanke, dass wir für etwas bestraft werden. Doch was hatten wir Schlimmes getan? 

Wir mussten feststellen, dass sich eine Art «Werksgerechtigkeit» aufgebaut hatte: Wir waren doch eigentlich ganz gute Christen, die Jesus nachfolgten, für ihn aktiv waren, ihm treu dienten. Wenn alle um uns herum gesunde Kinder kriegen – warum nicht auch wir?

Lesen Sie das ganze Interview in ethos 02/2026