Im Gespräch mit dem Israeli Ariel Winkler über sein Land, kulturelle Herausforderungen, Konfliktsituationen und darüber, was wir von Juden lernen können.
Interview: Carina Schwegler
7. Februar 2026

Lieber Ariel, zwei Wochen lang durften wir als Gruppe mit dir als Reiseleiter durch Israel reisen. Es ist beeindruckend, das Land der Bibel mit eigenen Augen zu sehen. Für dich ist das alltägliche Realität. Was bedeutet es, hier aufgewachsen zu sein?

Das ist ein Geschenk. Wir Israelis haben einen grossen Vorteil: Wir leben dort, wo die Bibel lebendig wird. Wenn wir in der Sonntagsschule beispielsweise die Geschichte von Elia betrachten, fahren wir zum Karmelgebirge und erkunden den Karmel und den Bach Kischon. Sprechen wir über Hiskia, besuchen wir Jerusalem und durchqueren den Hiskia-Tunnel. Ich sehe das bei meinen Kindern: Das Glaubensleben ist anders, wenn man in Israel aufwächst. Weil Jesus hier war. Das empfinde ich als grossen Segen.

Ein katholischer Priester hat einmal ein interessantes Buch mit dem Titel «Das fünfte Evangelium» geschrieben. Er meint, dass wir vier Evangelien haben, die über Jesus erzählen. Und dann ist da noch das Land, das wie ein fünftes Evangelium die anderen ergänzt.

Ich liebe meinen Beruf. Es ist für mich immer wieder schön, Interessierten das Land, die Bibel und das Volk näherzubringen und zu erleben, wie ihr Verständnis für Gottes Wort wächst. Es ist nicht nur Urlaub, sondern eine geistliche Reise.

Leider ist für viele Christen nicht mehr selbstverständlich, dass Israel auch heute noch eine besondere Rolle spielt und die Juden das auserwählte Volk Gottes sind. Wie stehst du dazu?

Ich beobachte in Deutschland und auch in der Schweiz einen zunehmenden Einfluss der sogenannten Ersatztheologie – und das macht mir Sorgen. Betrachtet man die Geschichte der Gemeinde, stellt man fest, dass es Zeiten gab, in denen Israel nicht im Fokus stand. Und trotzdem war Israel immer da.

Ich glaube, dass die Rückkehr des jüdischen Volkes nach Israel – beginnend mit der zionistischen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts und dann mit der Staatsgründung – die Erfüllung von Prophezeiungen ist. Oft denken wir, alles sei sehr schnell gegangen. Doch vergleicht man das mit der Rückkehr zur Zeit Esras und Nehemias, erkennt man viele Parallelen. Auch damals waren es anfangs nur etwa 50 000 Menschen. Mit der Zeit wuchs das Volk, bis zur Zeit Jesu, als Jerusalem das Zentrum jüdischen Lebens war. Ein ähnlicher Prozess lässt sich auch heute beobachten: Die meisten Juden leben in Israel, das somit zunehmend zum Zentrum des jüdischen Volkes wird.

Als Christ, der hier lebt, macht es mich darum umso trauriger, wie viele Gemeinden Israels Rolle im Plan Gottes nicht verstehen. Es ist das Volk der Verheissung, Gott ändert seine Meinung nicht.
Israel ist nicht deshalb wichtig, weil es moralisch besser wäre. Ganz im Gegenteil: Israel erkennt Jesus nicht an, ist oft sehr säkular und politisch eher progressiv, etwa bei LGBTQ-Themen. Das ist nicht «gut». Aber – und das ist der entscheidende Punkt – es ist Gottes Volk. Und Gott sagt zu Abraham: «Ich werde segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen.» Darin zeigt sich eine geistliche Realität.

Wer unter Gottes Segen stehen will, sollte auch auf Israels Seite stehen. Das schliesst Kritik nicht aus, bedeutet aber, sich für die Existenz des jüdischen Staates einzusetzen.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Wenn Menschen aus muslimischem Hintergrund zum Glauben kommen, verändert sich ihre Einstellung gegenüber Israel oft deutlich. Ich kenne jemanden, der früher demonstriert hat und sehr anti-israelisch war – seit seiner Bekehrung und durch das Wirken des Heiligen Geistes liebt er Israel. 

In Israel leben zwei Millionen Araber. Ich dachte immer, die Städte seien gemischt. Beim Herumreisen merkte ich aber: Ausser vielleicht in Jerusalem gibt es eher klar muslimisch und klar jüdisch geprägte Städte, oder?

Ja, das ist aber nicht gesetzlich vorgeschrieben. Es ist etwas Natürliches. Weltweit bevorzugen Gruppen oft die Nähe zu ihresgleichen: In New York wohnen Schwarze eher in bestimmten Vierteln, Juden in Brooklyn. Christen wohnen gern dort, wo christliche Gemeinden sind. Und dann gibt es Orte, an denen sich Gruppierungen stärker mischen, wie hier in Haifa. Man denkt, es sei eine jüdische Stadt, aber rund 30 Prozent der Einwohner sind Araber.

Da ist keine strikte Trennung. In Israel kann man wählen, ob man Arabisch oder Hebräisch lernt. Es gibt keinen Zwang. Unter den arabischsprachigen Schulen gibt es gute katholische Privatschulen, in die auch muslimische Familien ihre Kinder schicken. Sie wollen ihnen eine gute Bildung ermöglichen. Dadurch werden einst christliche Orte zunehmend muslimisch und die Christen ziehen weg. Ein Beispiel hierfür ist Bethlehem. Früher war die Stadt christlich, heute sind Christen nur noch eine Minderheit.

Lesen Sie das ganze Interview in ethos 01/2026